Mittwoch, 11. November 2009

Zirkusvorstellung


In Frankreich gibt es zwei Sparten von "Alternativer Pferdearbeit". Entweder die Leute machen "équitation éthologique" inspiriert durch Parelli, Josh Lyons und Andy Booth oder in Richtung "spectacle équestre" siehe Pignon, Lorenzo und Co. Von der Arbeit her muss ich sagen, dass ich letztere klar bevorzuge. Sie arbeiten meistens mit stolzen Hengsten, die sich gerne präsentieren. Sich zu zeigen ist für ein Pferd bis zu einem gewissen Grad ja etwas positives. Dieser Aspekt fehlt mir bei all den PNH-Leuten leider.
Trotzdem, wenn man sich die Pferde einer solchen Show mal genauer unter die Lupe nimmt, sind diese häufig enorm gestresst. Alles muss dann perfekt funktionieren und da sind wir ganz schnell wieder beim Benutzen. Schließlich wird ja nicht mehr gefragt, ob das Pferd jetzt eigentlich wirklich Lust hat, zum zigtausendsten Mal das Gleiche zu machen. Man bedenke; wenn eine Figur, Übung etc. wirklich sitzt - wie oft ist die wohl zuvor geübt worden? Meistens spricht das schon aus den Augen der Pferde selbst.
Und trotz dem allem hat uns Titi letztens eine echte Zirkusvorstellung gegeben und sich ins Zeug gelegt. Ich hatte schon mit ihm gearbeitet. Freier Wechsel durch den Zirkel klappt jetzt schon richtig gut - zumindest auf der einen Hand. Trotzdem, dass es eigentlich eine nette Session war, war es noch nichts so Besonderes.
Ein Freund von uns hat mir letztens eine Wippe für Pony und Esel gebaut. So weit muss ich hier nun nochmal ausholen. Vielen Dank an ihn. Mit Titi habe ich früher ja ganz viel solche Sachen geübt. Und er liebte es auf Paletten zu klettern. Wenn nur ich ihn mal wieder nicht schikanierte, er muss nun alles so oder so machen. Wir legten die Wippe am ersten Tag zu ihnen in die Koppel und auch wenn er es blöd fand, dass sie kippelte, kletterte er natürlich sofort darauf herum. Auch Fanou kam und so standen sie am Ende zu zweit mit den Vorderbeinen auf der Wippe (Fotos folgen).
Seit dem ist die Wippe ein begehrtes Spielzeug. Naja, an dem Tag dann eben dachte ich mir nach der normalen Longenarbeit, holen wir nocheinmal die Wippe rein. Super ist er gleich drauf und diesmal klatschten unsere Zuschauer und gaben Beifall. Mensch war der dann stolz! Wippe rauf und runter, Spanischer Schritt (schön flüssig vorwärts!), ganz beeindruckendes Steigen, Cavaletti und jedes Mal gab es Beifall. Zum Schluss kam er dann an den Zaun und begutachtete sein Publikum. Das war vielleicht toll!
Man bedenke aber: Titi war zu jedem Moment völlig frei und das wusste er auch. Ich habe nicht stur Lektionen gefordert, sondern ihm Angebote gemacht, wie z.B. auf die Wippe gezeigt oder vorraus gegangen. Zeigen musste er sich dadurch selbst und das hat er mit Freude getan.
Vorstellungen sind also eine Sache, die man behutsam überdenken muss. Ich weiß, dass ich einen kleinen Künstler habe - aber wie begehrt wird der erst, wenn seine Darbietung exklusiv und selten ist? So sollten wir unsere Pferde betrachten: als stolze Künstler mit ausgeprägter Persönlichkeit. Als exklusive VIPs. Wir wollen nicht vom Boden abheben, denn auch die Prominenz wird viel zu oft kommerzialisiert. Aber es ist besser, als Pferde auf ihre Kosten für unser Vergnügen oder unseren Geldbeutel zu verheizen. Lasst uns zumindest versuchen, herauszufinden, wie wir ihnen gerecht werden können!

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