Mittwoch, 1. Februar 2017

Mit Pferden sein ... das Leben ist einmalig ...

... so heißt das neue Buch von Sabine Birmann welches unter anderem der Grund ist, warum ich seit einem halben Jahr keinen neuen Eintrag hier verfasst habe. Auch für das 3. ihrer Bücher hatte ich die Ehre das Layout machen zu dürfen. Deswegen möchte ich es nun endlich auch hier auf dem Blog präsentieren:

Mit Pferden sein ... das Leben ist einmalig

Gerade ausgepackt
von Sabine Birmann (Erschienen 23. Januar 2017) Hardcover; 232 Seiten; ISBN: 9783981471175 Preis: 39,90 € inkl. MwSt.

Klappentext:
Pferde begleiten uns, oft unbemerkt, auch heute noch durch das ganze Leben. Auf der Nachbarweide, im Fernsehen, der Reitschule im Ort oder auf den Koppeln neben der Autobahn können wir sie betrachten, gleichgültig an Ihnen vorüber fahren oder ihnen mit Interesse begegnen. Der Besitz eines Pferdes ist nicht mehr wie früher nur etwas für wohlhabende, reiche Menschen, sondern auch für den Normalbürger erschwinglich geworden. Reitunterricht, Voltigieren, Reiterferien oder Workshops bei diversen Pferdeflüsterern werden heutzutage an jeder Ecke angeboten. Doch wer nimmt schon wahr, wie es den Pferden dort auf den zahlreichen Shows, in den Reitschulen oder auf den Dressur- und Arbeitsplätzen ergeht? Wer hat sich einmal gefragt, was es für ein Pferd bedeutet, mit uns Menschen zusammen zu sein, ausgeliefert im Guten aber auch  im Bösen. Pferde sind hochsoziale Lebewesen, die mit uns ständig kommunizieren. Pferde haben Gefühle, so wie wir. Pferde können Freundschaften schließen, Trauer empfinden und Liebe, so wie wir. Pferde empfinden Mitgefühl, Zuneigung, aber genauso seelische Schmerzen, so wie wir. Sie leiden, sie lieben, sie leben, so wie wir. Halten Sie einen Moment inne und lesen – von den glücklichen aber auch nicht so glücklichen Pferden in diesem Buch. Öffnen Sie Ihre Tür für eine feinere Wahrnehmung, einer wahrhaftigen,  gegenseitigen Kommunikation, jenseits von Methoden und Dogmen, zu einem Lebewesen, das Sie Vieles lehren kann. Unser Leben und das des Pferdes sind etwas Einmaliges. Gehen wir damit ehrfürchtig um.


Für mich ist es wieder ein unglaubliches Gefühl, das fertige Buch in den Händen zu halten. Sechs Monate habe ich Tag für Tag daran gearbeitet, zusammen mit Sabine Birmann selbst und ihren Mitarbeitern und Korrekturlesern.

Auch freut es mich sehr, dass all die Texte nun veröffentlicht sind und ich hoffe, dass so mancher zum Nachdenken angeregt wird, über das Leben eines Pferdes ... über das Leben im Allgemeinen. Sowohl das Pferd als auch wir haben nämlich nur eines davon - es ist kostbar.

So schnell zieht es vorbei, so schnell vergehen wichtige Momente, vergehen Chancen, Begegnungen, Gefühle ... was für ein Leben führt ein Pferd? Wie sehr ist es uns ausgeliefert und möchte doch als vollwertiges Wesen geachtet werden?

Und wie schnell übernehmen wir Selbstverständlichkeiten, wie zum Beispiel ein Pferd in einer Reitschule zu benutzen, und glauben, wir lernen, eine Beziehung zu einem Pferd aufzubauen? Aber in welcher Reitstunde ist dies denn überhaupt im Fokus? Geht es meistens nicht doch mehr um die korrekte Ausführung von Übungen - Gehorsam des Pferdes dem Reiter gegenüber, der wiederum den Anweisungen des Reitlehrers bzw. Ausbilders folgt. Nur um keine Fehler zu machen oder weil wir ja "das Beste" für das Pferd wollen?

Ja, es wurde schon häufig gesagt: bei "Mit Pferden sein ..." geht es um Wahrnehmung und das Verfeinern derselbigen. Nicht um ein Schema oder ein Levelsystem in welches sich Pferd und Mensch einfügen. Hierin liegt für mich das Befreiende an der Philosophie und so gehe auch ich auf meine Pferde zu, jeden Tag ... versuche wahrzunehmen, einen offenen Blick zu behalten, ohne dabei in Perfektionismus zu ersticken.

Der schwierigste Part von "Mit Pferden sein ..." ist immer das Reflektieren von sich selbst: das Eingestehen der eigenen Ängste, der Erwartungen die man an sich und sein Pferd hat, dem Ehrgeiz oder dem bereits schon erwähnten Perfektionismus. Auch, wenn ich immer wieder Erklärungen im Aussen suche, warum dies oder jenes nicht klappt, anstatt mir klarzumachen, dass ich mich meinem eigenen Punkt stellen muss - dass mein Pferd mich ja lieben muss, nur weil ich doch ein so guter Mensch bin zum Beipiel. Doch die Pferde sind gnadenlose Spiegel - dennoch voller Güte und mit der Bereitschaft, uns zu verzeihen. 

Pferde geben uns die Chance, über uns hinauszuwachsen, hinzuschauen, ehrlich zu sein und öffnen sich uns, wenn wir authentisch einfach wir selbst sind. Dazu müssen wir ihnen aber auch mal das Wort lassen und aushalten, was sie uns sagen. Wir können ihre Antworten in ihrer Körpersprache und ihrer Mimik erkennen (lernen) - oft schon habe ich auf diesem Blog schon davon berichtet und viel darüber steht auch in Sabine Birmanns 2. Buch: "Mit Pferden sein - Körper, Sinne, Seele".

Dass jedes Pferd ein ganz individuelles Schicksal erlebt, zeigen wieder die zahlreichen Erfahrungsberichte von Kursteilnehmern im neuen Buch. Auch wird die Entwicklung der Pferde und Menschen auch über einen längeren Zeitraum gezeigt mit vielerlei Fotos (es sind insgesamt ca. 650 Abbildungen).


Ich und Vertigo - Januar 2017

Mit diesen Eindrücken beende ich jetzt diesen Artikel - das Buch könnt ihr auf www.mitpferdensein.de bestellen (Privatpersonen erhalten es bei Bestellungen über die Webseite Portofrei innerhalb Deutschlands) und jetzt ab Februar auch auf Amazon und im normalen Buchhandel.

Danke für's Lesen 
- eure Jaana


Donnerstag, 30. Juni 2016

Es ist Zeit zu reiten ... ein paar Eindrücke von letztem Wochenende

Ja, wie es schon der Titel sagt, fangen wir jetzt mit dem Reiten an. 7 Jahre ist mein wunderschöner Comtoismixhengst nun alt und auch wenn ich noch ein wenig mehr abspecken könnte/sollte/wollte, trägt er mich jetzt. Sabine Birmann war letzte Woche zu Besuch für einen Tag und sie und ihr Sohn Joel haben mir geholfen, meine Ängste zu überwinden und mir und meinem Pferd gezeigt, dass Reiten Spaß macht! Tausendfachen Dank dafür! Hier ein paar Eindrücke!

Bei der ersten Sequenz reitet Joel auf Vertigo. Vertigo hat kein Problem mit dem Reiten, weiß aber noch nicht, dass ein Reiter von oben auch lenken kann. Kurz wird das auf dem Platz geübt indem Joel zu mir hinreitet.
Dann bin ich dran - ich muss erstmal wieder lernen, entspannt und natürlich zu sitzen, darum hält mich Joel. Vertigo ist stolz! 
Bei der nächsten Sequenz geht es dann gleich raus, damit Vertigo das Reiten mit etwas verbindet, das Sinn für ihn macht. Platzreiten finden die meisten Pferde öde - beim Ausreiten können sie aber mal etwas anderes sehen und deswegen macht das Reiten dann wieder Sinn in ihren Augen. Er kaut noch ein wenig gestresst auf dem Gebiss, aber das besserte sich mit der Zeit.

Denicheur darf auch am Boseil mit Marnie mitgehen und es freut mich sehr, wie zufrieden er schaut. Wieder führt mich Joel, damit ich mich erstmal an die Bewegungen gewöhnen kann. Anderntags ist Joel auch bereits einmal draussen auf Vertigo geritten - ganz ohne führen! Ich bin stolz auf mein Pferd! Vertigo ist draussen aber noch sehr aufgeregt!

Mit den anderen Pferden haben wir auch gearbeitet:


Jumper wurde er genannt, dabei ist er so viel mehr! Ein Pferd für einen Krieger - ein Sturmwind - danke, dass ich Dich erkennen durfte°

Er zeigt sein kämpferisches Potential gerne auch bei der Bodenarbeit.

Mit den beiden Stuten Kira und Opale haben wir in den kühlen Abendstunden auch gearbeitet.

Die Tage danach ... :
Sophia reitet auf Angloaraberstute Kira am Boseil. Die Stute ist früher Distanzritte gegangen und in ihr stecken noch viele alte Erfahrungen. Wir würden ihr auf Dauer gerne das Reiten bieten - heute klebt sie jedoch, obwohl ihr Kumpel Jumper dabei ist, an ihrer Freundin Opale.

Noch ein Tag später - Jumper hingegen hat überhaupt kein Problem, auch allein rauszugehen. Sophia ist auch noch Anfängerin und wir tasten uns in kleinen Schritten an das Reiten. Hier geht Jumper auch am Boseil - er wurde sonst immer mit Gebiss oder Hackamore geritten.

Warmblutmixstute Opale hat ein Reittrauma - sie duldete lange Zeit nichteinmal den Versuch, aufzusteigen. Jetzt will sie aber immer öfter mitmachen und bei Sabine Birmanns Besuch war dann die Premiere, wo sie Sophia hat aufsitzen lassen, während ihr Besitzer Hartwig sie zur Sicherheit hält. Beim dritten Mal war es dann gar kein Problem mehr - der nächste Schritt wird sein, ein paar Schritte vorwärts zu gehen.
Und hier noch das Beweisfoto: ja, wir haben weitergemacht und auch ohne Sabine und Joel sind wir wieder eine Ministrecke ausgeritten. Es ist ein wahnsinns Gefühl, mein Pferd nach all den Jahren zu reiten!
Weitere Beiträge zu diesem Wochenende werden noch folgen! Es gibt viel zu erzählen ...

Danke für's Lesen!
Eure Jaana

Dienstag, 31. Mai 2016

Kann ein Mensch für ein Pferd interessant sein?

Ich und mein Kaltbluthengst Vertigo - Kommunikation
Es beginnt als Traum - vielleicht schon in der Kindheit -, dann nehmen wir es bald schon als selbstverständlich hin: Pferd und Mensch sind Partner. Oft mag das Pferd zwar offiziell den unteren Rang einnehmen, aber schon allein durch unsere Kultur gehen wir auf das Pferd zu, in der Erwartung, es wäre normal, es berühren, ja sogar führen und reiten zu können! Man muss es nur "bedienen" lernen, wie z.B. ein Auto.

Nun ist dennoch den meisten Reitern bewusst, dass sie die Pferde zu etwas bringen wollen, was diese im Regelfall nicht wollen und deshalb findet eine Abrichtung statt. Um sich in allen Situationen auf unser Reit- und Lasttier verlassen zu können, musste es zu hundertprozent funktionieren; auf Anweisung stehenbleiben, die Gangart und Richtung wechseln etc. Nur dann konnte es auch zum Arbeiten eingesetzt werden.

Ein schwieriges Pferd hat man dann, wenn es eben dies alles nicht selbstverständlich akzeptiert. Wenn es sich uns entzieht oder, im ungünstigsten Fall, sich gegen uns auflehnt. Auf den letzten Kursen die ich besuchte, begegnete ich Pferden, die zeigten, was eben alles nicht selbstverständlich ist für ein Pferd - Pferde die kämpften, ignorierten, sich entzogen oder zumindest früher einmal solches Verhalten zeigten.

Young horses approaching
Diese zwei Jungpferde aus meiner Nachbarschaft haben noch keine schlechten Erfahrungen gemacht und kommen im Galopp, wenn sie einen Menschen sehen - sie sind noch voller Neugier

Doch selten sagen die Pferde uns derart deutlich was sie von uns halten. Meistens kommt im Vorfeld die "Ausbildung" hinzu: das Pferd hat gelernt, dass es sich dem Willen des Menschen zu beugen hat, egal in welcher Situation und solange ein gemeinsamer Kodex eingehalten wird - damit meine ich zum Beispiel die Reitweise - wird das Pferd auch funktionieren. Die Kehrseite davon ist, dass es sich uns selbst auch nicht mehr mitteilt und das ist deshalb so schade, weil wir viel von ihm lernen könnten.


Draft horses couple
Kutschpferde müssen funktionieren
Pferde sind stärker und schneller als wir und haben einen ganz anderen Blickwinkel auf das Leben im Allgemeinen. Sie "sprechen" auch sehr deutlich mit ihrer Körpersprache und nicht nur können wir diese lesen lernen, sondern ihm auch damit antworten.

Oft höre ich, dass ein Pferd doch gar nichts mit uns zu tun haben will - es ist sowieso nur mit uns zusammen, weil wir das bestimmt haben. Es mag es vielleicht noch, von uns gepflegt und gefüttert zu werden, aber ein reines Zusammensein mit dem Menschen, das muss doch öde für ein solches Tier sein. (Immerhin, möchte ich darauf sagen, hier spricht also eine Person, die sich schon einmal Gedanken macht und einem Pferd solcherlei Empfindungen zugesteht)

Doch ist es wirklich so, dass ein Pferd einfach nur in Ruhe gelassen werden will und dann glücklich ist? Das wäre so, als wenn man zu jemandem, der vor lauter Stress in der Familie und seinem Job einen Burnout bekam, sagen würde, er solle nie mehr arbeiten und sich nie mehr unter andere Leute begeben.

School horse - has resigned
Schulpferd, es lässt den Kontakt zu obwohl es keine Freude daran hat
Kontakt und Abwechslung können sowohl angenehm als auch unangenehm sein. Ein gutes Gespräch, wo man füreinander offen ist und immer wieder Vertrauen vermittelt, ist unglaublich bereichernd - in der Regel für beide Seiten. Dazu gehört es auch, sich mal füreinander Zeit zu nehmen, einander gegenseitig zuzuhören und nicht immer das gleiche Gesprächsthema zu haben, sondern mal einen Ausflug anzuregen oder ein Spiel zu spielen. Meine Familie oder meinen Partner will ich ja - hoffentlich - auch nicht nur zum Abendessen sehen oder bei der Hausarbeit, sondern auch mal unbeschwert in allen möglichen anderen Momenten und Situationen. Ganz zu schweigen davon, wenn man dann noch immer nur gestresst von der Arbeit heimkommt und die miese Stimmung gleich zu Hause weiterverbreitet.

Kommen Sie immer mit schlechter Laune zum Pferd, sind unklar, schwach, nervig, geben paradoxe Signale und verlangen dann auch noch, dass Ihr Pferd alles tut, was sie von ihm verlangen, so wird es sich innerlich und vielleicht auch äußerlich von Ihnen abwenden und irgendwann auch nichts anderes von Ihnen und vielleicht auch anderen Menschen erwarten. Sind sie aber offen, vertrauenswürdig, und energievoll und handeln in seinem Sinne, sind gleichzeitig motiviert, sich selbst weiterzuentwickeln und auch bereit, Ihrem Pferd zuzuhören, dann wird es Ihre Gesellschaft zu schätzen wissen.

Es wird mit Ihnen vielleicht auch mal wo fremdes hin gehen, wo es sich vielleicht fürchtet, sie mit Freuden auf seinem Rücken tragen und sich auf eine gemeinsame Boden"arbeit" einlassen, wenn es einen Sinn darin sieht und es ihm Spaß macht.
A horse considering to make contact
Schon einige Zeit her: Denicheur fängt langsam an, einen echten Kontakt zu machen und das Zusammensein mit dem Menschen als etwas Positives zu empfinden. Noch lange stecken die alten Erlebnisse aus seiner Schul- und Sportpferdezeit noch in ihm.
 Wenn ein Pferd aber alle diese Dinge bereits mit negativen Erfahrungen sowie Druck und Zwang verbindet, so wird es - zu Recht!!! - ersteinmal skeptisch sein, sich abwenden oder gar nicht erst einen Kontakt wollen. Hier braucht es oft eine richtige Trauma-Therapie bevor ein unbeschwertes Zusammensein überhaupt möglich ist.

Den Weg im Konkreten hin zu all dem was angesprochen wurde zu beschreiben, sprengt den Rahmen dieses Blogs und ich empfehle die Bücher, Texte und Kurse von "Mit Pferden sein", denn ich habe bisher noch keine andere Pferdearbeit gefunden, wo nicht am Ende dann doch das Pferd wieder auf's Funktionieren reduziert wird.

Vielleicht geht ihr demnächst einmal zu eurem eigenen Pferd und könnt erkennen, ob es wirkliches Interesse am Kontakt mit euch hat oder lieber in Ruhe gelassen wird - gerne könnt ihr mir dann berichten. Ich bedanke mich ganz herzlich für's Lesen und hoffe vielleicht ein wenig mehr zum Nachdenken angeregt zu haben. Schreibt mir gerne ein Kommentar unter diesen Artikel und ihr könnt diesen Blog auch abonnieren um immer die neuesten Beiträge mitzubekommen.

Bis zum nächsten Mal! Alles Liebe
Jaana

Donnerstag, 28. April 2016

Die Pferdesprache: Wahrnehmung - Bericht vom Kurs

Seit 8 Jahren kenne ich nun die "Mit Pferden sein"-Arbeit - ein Weg für den ich seit der ersten Sekunde gebrannt habe und für den ich so dankbar bin, dass es ihn gibt und dass ich ihm begegnen durfte.

Wie nimmt ein Pferd seine Umgebung wahr? Was empfindet es und wie können wir es erkennen? Schnappschuss vom Fortgeschrittenenkurs
Über die Jahre begann sich meine komplette Wahrnehmung zu verändern und ich spüre, dass es auch immer noch ein Prozess ist. Es geht dabei nicht unbedingt nur um die Pferde, sondern auch im Allgemeinen um das Sein in der Natur. Sehr viel wird um diesen Punkt romantisiert - ein jeder Mensch hat sicherlich schon erlebt, dass man in einem stillen Wald mit Vogelgezwitscher oder an einem See den Stress des Alltags einmal zurückstellen kann.

Sagen wir es erstmal so: dadurch, dass ich mehr und mehr lerne, die Sprache der Pferde - ihre Körpersprache - wahrzunehmen, bekomme ich auch einen ganz anderen Blick für die Dinge um mich herum.

Ein Pferd nimmt intuitiv wahr und sein Verhalten ist in der Regel seiner Umgebung angepasst. Ein Beispiel: fühlt es sich unsicher oder hat Angst, wird es sich immer so ausrichten, dass es fluchtbereit ist. Wenn ich diese Signale lesen kann, ist es eines Tages soweit, dass ich in der Natur wie in einem offenen Buch lesen kann. Jede Sekunde ist wie ein kompletter Roman - auch wenn ich ihn vielleicht noch nicht vergleichbar wie ein Pferd wahrnehmen kann.

Jeder Ort erzählt seine Geschichte: welche Wesen ihn beeinflussen und wer ihn regelmäßig aufsucht. Ich erkenne am Verhalten meines Pferdes, wie es sich in der Umgebung fühlt, was ihm angenehm ist und wo es zum Beispiel heute nicht gerne verweilen möchte.

Wenn ich ihm seine Bewegungsfreiheit nehme, nehme ich ihm seine Sprache - wenn mein Pferd nur noch mir zu Willen reagiert und Runde um Runde um mich dreht, ohne einen wirklichen Ausdruck, dann bedrückt mich das auch gleichermaßen. Genauso wenn es durch die Natur nur noch latscht, ohne Anteilnahme, ohne Ausdruck.

So viele Menschen suchen den Weg zum Pferd, zur Natur - doch sie beginnen damit, das Pferd erst einmal für unser unnatürliches Verhalten zurecht zu machen. Jemand sagte mir letztens, dass er eine Ausbildung in der klassischen Dressur gemacht habe: "Zu Anfang hatte ich jeden Tag schrecklichen Muskelkater in den Armen - ich dachte, das halte ich nicht durch (Anmerkung: es handelt sich bei der Person um eine Zirkusakrobatin, die also durchaus stark trainierte Arme hat) - doch ich muss schon sagen, dass es sich nach ein paar Jahren gelohnt hat: ich erlebte sekundenweise Momente der Leichtigkeit auf dem Pferd."

Sie hat es also geschafft: nach Jahren ist sie dort, wo vielleicht ein Hauch der Leichtigkeit des Pferdes ist - doch die Pferde sind doch bereits von Natur aus eins mit ihrer Bewegung! Wir sind es auch - doch wir glauben, wir könnten bewerten wann es "richtig" ist - wann es harmonisch ist und wann man "durchgreifen" muss. Ich finde, wir täten gut daran, nicht immer gleich alles bewerten zu wollen, nicht immer gleich zu wissen, was die Antwort ist, sondern erst einmal nur zu schauen und zu akzeptieren, was wir sehen.

Erst wenn ich sehen kann - erst wenn ich die Situation wahrnehmen kann - kann ich mir überlegen, wie ich meinem Pferd antworte. Wenn mein Hengst an mir vorbei zu den Stuten laufen will, dann muss ich präsent sein, darf den richtigen Moment nicht verpennen - ein Hengst ist gnadenlos: er wird mir zeigen, ob ich wachsam war!

Ende März war ich auf dem Fortgeschrittenenkurs von "Mit Pferden sein". Ich habe gefilmt, versucht, das Geschehen mit meiner Wahrnehmung einzufangen - und habe dann folgenden Clip erstellt. Es hat sehr viel Spaß gemacht die kleinen Dinge zu sehen und die Unterschiede zu zeigen, wie auf jede Situation anders eingegangen wird.


Heute kann ich stundenlang im Garten sitzen und im offenen Buch der Natur lesen - im Wissen, dass ich immer noch lange nicht alles sehen kann, aber was ich sehe, reicht oft schon für mehr Fülle als ein Kinofilm - doch auch filme schaue ich gerne und verrückterweise ebenfalls mit mehr Interesse. Es ist, als könnte ich mehr und mehr Anteil am Leben nehmen.
Eine Kursteilnehmerin hat mich beim Filmen auf dem Fortgeschrittenenkurs fotografiert

Morgen früh geht es für mich in Richtung Schweiz zum Grundlagenkurs wo ich die Assistentin der Kursleiterin sein darf. Ich bin schon gespannt - ich spüre die Vorfreude und Aufregung in mir und ich werde wieder Lernen und meine Wahrnehmung weiter verfeinern.

Nun werde ich mich also ans Packen machen - Danke für's Lesen!
Alles Liebe
 eure Jaana

Noch ein Clip zum Thema - realisiert von meinen Schwestern: ein Tag im Herbstwald:

Donnerstag, 31. März 2016

Freie Bodenarbeit mit Vertigo - März 2016

1. Voller Energie ...
Eine Bodenarbeitssequenz mit meinem wunderbaren Kalblutmixhengst Vertigo der jetzt im April 7 Jahre alt wird. Nichts ist geplant oder trainiert, es ist Zusammensein und ein Gespräch. Das Gefühl mit diesem Pferd zusammen zu tanzen lässt sich nicht in Worte fassen, doch möchte ich ein paar der Fotos mit Bemerkungen versehen um ein paar Eindrücke zu geben.

2. Ein junges Pferd in all seiner Pracht - ein Hengst beeindruckt uns mit seiner Kraft. Ich lasse Vertigo diese Energie so gut es mir möglich ist ausleben und entfalten. 

3. Durch ein leichtes Verändern meiner Körperposition und meiner inneren Haltung biete ich ihm das Verkleinern des Zirkels an, man sieht, wie er bereits seinen Kopf nach innen wendet. 

4. Nichts hierbei ist trainiert sondern Vertigo reagiert nur ganz natürlich auf die Ausrichtung meiner Körpermitte. Vertigo beginnt mehr unterzutreten und leicht mit den Hinterbeinen zu kreuzen.

5. Daraus kann man mit der Zeit Seitengänge und das Schulterherein entwickeln - auch ohne Dressur, Ausbinder usw. Das Pferd gymnastiziert sich von selbst und findet seine Balance.
6. So lassen wir den Tanz in einer Spirale immer enger auslaufen. Hier bitte ich ihn gleich zu mir herein um eine Pause zu machen.

7. Vertigo ist ein stolzes Pferd und wir beide lieben die gemeinsame Bodenarbeit bei der immer wieder neue Dinge entstehen.
8. Wenn sich alle Energie sammelt und ein solch mächtiges Pferd wie Vertigo in die Luft springt ist das immer besonders spektakulär. Doch auch das Steigen ist nicht trainiert, sondern er imitiert mich und nimmt meine Energie auf. Es ist auch nicht gegen mich gerichtet, sondern ein Ausdruck von Stolz.
9. Schnappschuss: während des Verkleinerns geht die Energie einmal statt nach vorne nach oben. Ich finde es wichtig, dass ein Pferd sich frei bewegen kann und so seine Balance findet wie es ihm entspricht. Dadurch erst ist es möglich, sein Gegenüber wirklich wahrzunehmen und auch sich selbst zu reflektieren, anstatt es durch alle möglichen Hilfsmittel in Positionen zu zwingen die es von selbst noch nicht halten könnte.

10. Entspannt geht es wieder zum Paddock. Über die Jahre haben wir sehr viel Vertrauen aufgebaut und ich liebe mein Pferd und ich glaube, ich bin durchaus auch achtenswert in seinen Augen, so kann ich ihn am losen Seil am Halfter an den Stuten vorbeiführen wenn es stimmt. Durch Körperkraft wäre dies nie möglich.

Copyright: jajofo.de 2016