Freitag, 25. Januar 2008

Check the basics 1: Mein Pferd genießt meine Berührung

Wir beginnen nun damit, die einzelnen Punkte meiner Checkliste abzuarbeiten.

1.: der Check:
Kommt ihr Pferd freiwillig zu ihnen und lässt sich berühren? Kennen sie seine Lieblingstellen? Welche Stellen lässt es sich eher weniger gern berühren?
2.: Warum ist dieser Punkt so wichtig?
Dies ist der erste Punkt der Checkliste und für mich von daher das Fundament für die anderen Punkte. Ich glaube, eigentlich ist es gar nicht so schwer nachzuvollziehen, warum dieser Punkt so wichtig ist. So ist Reiten und dergleichen völlig unmöglich, wenn wir unser Pferd nicht berühren können. Doch achtung! Ich spreche hier nicht nur davon, dass das Pferd sich den Sattel anziehen lässt und dann brav unseren Befehlen gehorcht. Ich spreche davon, dass das Pferd unsere Berührung und unsere Nähe wirklich genießt und sie von sich aus aufsucht. Ausserdem sich im etwas höheren Alter sich am ganzen Körper berühren lässt ohne dabei Stress zu empfinden. Nun also, warum ist dasso wichtig? Es ist weniger wichtig als ein Zeichen, dass das Pferd uns vertraut und gern hat. Pferde auf der Koppel oder in der Wildnis gehen tiefe Bindungen mit einzelnen anderen Pferden ein. In jedem Pferdeführer kann man nachlesen, dass es ein Zeichen tiefer Freundschaft ist, wenn sich zwei Pferde einander am Widerrist schubbeln. Das Pferd als Fluchttier kann auch extreme Angst vor Berührung haben und dabei Stress empfinden. Seien sie sich bewusst, dass, wenn dies der Fall ist, das Pferd sie entweder als Raubtier, also als Gefahr betrachtet, oder zumindest als tyrannisches anderes Herdenmitglied. Und das wollen wir doch auf keinen Fall sein, vor allem nicht, wenn wir eine schöne Zeit mit unserem Pferd verbringen wollen.

3.: Was bringt es mir wenn sich mein Pferd von mir gerne berühren lässt?
Wenn ihr Pferd das Zusammensein mit ihnen genießt, dann wird es immer freudig bei allem mitarbeiten was sie ihm anbieten - ob es nun später das Reitergewicht ist oder die Spritze mit der Wurmkur. Ihr Pferd demonstriert dass es ihnen vertraut. In schwierigen Situationen werden sie wissen, wie sie ihr Pferd beruhigen können und es wird ihre Anwesenheit als schützend und entspannend empfinden. Ausserdem erleichtert es viele Vorgänge wie Tierarztbesuche, Hufeausschneiden und beschlagen etc.

4.: Wie erkenne ich, dass mein Pferd meine Berührung genießt?
Äussere Zeichen können sein: entspannen der Ohren, Zucken mit der Lippe bzw. den Mundwinkeln, ein senken des Kopfes, das Pferd steht absolut ruhig und drängt nicht fort, es hält ihnen die Stelle, die sie gerade kraulen geradezu vor die Finger. Natürlich werden sie auch einfach spüren, ob ihr Pferd gerade Gefallen empfindet oder sich lieber abwenden möchte.

5.: Was bedeutet es wenn ...
  • ... es sich gerne von mir streicheln und überall berühren lässt?
Ihr Pferd hat Vertrauen zu ihnen und betrachtet sie nicht als Feind.
  • ... es sich an bestimmten Bereichen wehrt, abwendet, schlägt, beisst oder mich gar nicht richtig an sich heranlässt?
Ihr Pferd hat Angst vor ihnen und glaubt, sie könnten ihm wehtun. Lassen sie das nie unbeachtet! Ein Pferd das sich vor ihnen fürchtet ist wie ein Feuerstuhl, der abgeht, sobald etwas geschieht, was es in die Enge treibt!

6.: Was kann ich konkret tun?

Bei rohen Jungpferden und Fohlen:

Wie schon im Artikel zum Thema Fohlenerziehung gesagt, sehen sie zu, dass die Begegnung mit Menschen IMMER möglichst von Spannungen und schlechten Erfahrungen ungetrübt bleibt. Erlebt gerade ein Jungpferd, dass es seinem Menschen vertrauen kann, dann wird es später auch in schwierigeren Situationen zu ihm stehen - was vorraussetzung für einen verlässlichen Partner ist. Gehen sie niemals an die Grenzen, wo Streicheln etc. unangenehm oder als nervig empfunden wird. Sprechen sie immer mit einer ruhigen und warmen Stimme.

So geht man auf ein Pferd zu:
  1. Nähern sie sich anfangs immer frontal oder leicht von der Seite und steuern sie den Kopf an. Locken sie sanft mit der Stimme und einer einladenden, keinesfalls agressiven Körperhaltung.
  2. Lassen sie das Pferd an ihrer ausgestreckten, flachen Hand ausgiebig schnuppern und geben sie ihm Zeit.
  3. Streichen sie mit einer Hand den Hals ab und gehen sie dann leicht seitlich an as Pferd heran und tätscheln Schulter, Brust und/oder Bauch bzw. Rücken.
Bereiche wie Beine, Kruppe, Schweif, Hufe, die Unterseite des Bauchs und in manchen Fällen auch die Ohren und der Rücken berühren sie erst, wenn sie sich sicher sind, dass ihr Pferd sich nicht wehren wird, sondern ihnen vertraut.

Auch wenn es schwieriger sein mag; üben sie das am besten ohne das Pferd festzuhalten. Gerade junge Pferde werden so schnell hibbelig, dass sie dann fortdrängen und sich sonst gezwungen fühlen.

Bei schon relativ gut erzogenen Pferden die regelmäßig geritten werden oder Kontakt haben:

Hier setze ich vorraus, das dem Pferd das Halfter geläufig ist. Es gelten natürlich ebenfalls obenstehende Regeln, allerdings gehe ich mal davon aus, dass sie ihr Pferd sowieso im Alltag schon lange nichtmehr nur an Hals und Schulter berühren, da sie es ja striegeln. Von daher werden sie wahrscheinlich schon wissen, welche Stellen ihr Pferd besonders gern oder gar nicht gern gekrault hat. Wenn nicht, finden sie diese herraus!

Wenn sie merken, dass es Stellen gibt, wo sich das Pferd gar nicht wohlfühlt oder sogar beginnt zu wehren, dann finden sie ein paar Tipps unter "traumatisierte" Pferde. Hier jetzt noch ein paar Tipps, wie sie den Genuß und das Vertrauen zu ihnen steigern können:

  1. Widerrist kraulen: Pferde machen das ja unheimlich gerne untereinander. Stellen sie sich seitlich neben ihr Pferd und beginnen sie an seinem Widerrist zu kraulen. Ruhig etwas fester! Für ihr Pferd ist das ein Freundschaftsbeweis ihrerseits. Beobachten sie, wie das Pferd mit den Lippen zu spielen anfangen wird. Passen sie auf: gerade bei Hengsten kann das dazu führen, dass sie gern etwas "zurückkraulen", was ihnen natürlich richtig wehtut. Schieben sie den Kopf des Pferdes sanft zur Seite, statt es zu schimpfen und passen sie einfach gut auf jede seiner Bewegungen auf. Es meint dies keinesfalls böse.
  2. Wirbelsäulenmassage: Viele Pferde lieben es und entspannen sich total, wenn sie den Rücken entlang die Wirbelsäule bis zur Schweifrübe hin massieren.
  3. Kopf senken: ein wirklich entspanntes Pferd, welches ihre Berührungen genießt, senkt oft automatisch seinen Kopf. Machen sie eine kleine Übung daraus (ohne Futter bitte!) die Stellen zu finden, wo ihr Pferd mit dem Kopf entspannt nach unten geht und sich dort z.B. an den Ohren weiterverwöhnen lässt.
  4. TTOUCH: Ich selber habe sehr gute Erfahrungen mit dem Tellington-Touch gemacht. Besorgen sie sich mal ein paar Infos. Das für mich beste Buch von Linda Tellington-Jones ist in der Hinsicht "Die Linda Tellington-Jones Reitschule" (erschienen im KOSMOS-Verlag ISBN 978-3440095843). Der TTOUCH lehrt einen sehr viel über den Körper des Pferds und hat viele verschiedene Massagetechniken, so dass man immer wieder etwas Neues ausprobieren kann.
Bei Hengsten:

Ich sehe bei Hengsten kaum Unterschied zu Stuten und Wallachen. Allerdings ist bei hnen immer darauf zu achten, dass man nicht ihr - doch oft sehr hohes - Selbstwertgefühl ins schwanken bringt. Ein Hengst wird sie auch immer mal wieder auf die Probe stellen, so dass sie sich durchsetzen müssen. Tun sie das dann, aber ohne großes Aufsehen davon zu machen. Zwicken und Beißen ist kein Spiel, sondern gehört mit klaren Zeichen unterbunden, aber es darf auf keinen Fall jedes mal zum Machtkampf werden. Haben sie den Hengst immer gut im Auge und stellen sie sich gegenbenenfalls vorzugsweise so, dass er noch nichtmal gut an sie herankommt.

Bei traumatisierten Pferden:

Damit meine ich nun Pferde, die kleine bis sehr große Probleme damit haben, dass sie sie streicheln. Sie haben vielleicht früher einmal große Schmerzen oder Vertrauensbrüche erlebt. Manche sind nur etwas kitzlig am Bauch, andere sind kopfscheu und machen bei jedem Aufzäumen ein totales Theater. Dies sind alles Zeichen dafür, dass sie nicht wirklich den Händen des Menschen vertrauen. Manches kann man lächelnd tolerieren, z.B. wenn ein Pferd wirklich einfach kitzlig ist am Bauch - davon gibt es übrigens recht viele. Dann sollte man diese Stelle eben vorsichtig behandeln, aber setzen sie sich trotzdem durch: wenn ihnen ihr Pferd vertraut, dann wird es über kurz oder lang sich wieder entspannen und sie können auch dort normal weiterstriegeln. Wird ihr Pferd aber tatsächlich panisch, wenn sie anfangen am Bauch zu kraulen ist dies ein Alarmzeichen!

Ich gebe jetzt im Folgenden ein paar Beispiele für Traumastellen, was das Verhalten bedeutet und den einen oder anderen Tipp, was man tun kann um die Pferde von ihrem Trauma zu heilen. Allerdings ist der erste Schritt der, den sie tun müssen, nämlich herrausfinden, was die Ursache für das Verhalten ihres Pferdes ist und dann, was sie glauben, dass ihm helfen könnte. Ich übernehme keine Haftung für meine Tipps und das diese in allen Fällen funktionieren. Es kann auch sein, dass, wenn sie beginnen, direkt an den Problemzonen zu arbeiten, das Pferd noch heftiger reagiert. Bei richtigen Problempferden erfordert es enorm viel Zeit und Arbeit, die eventuell auch gefährlich werden kann, um ein Trauma zu heilen. Es gibt noch nichteinmal die Sicherheit, dass das Trauma überhaupt komplett geheilt werden kann. Hier geht es nicht darum, dass sie in irgendeinem Kurs eine 1+ bekommen, sondern dass sie eine Beziehung mit ihrem Pferd aufbauen!
  • Pferd schlägt oder beisst mich, wenn ich es an einer ganz bestimmten Stelle berühren will (Beispiel: Beine): Sicherlich verbindet es irgendeine ganz bestimmte Erfahrung mit der Berührung an dieser Stelle. Gehen sie keine Gefahren ein. Sie werden keinesfalls etwas verbessern, in dem sie ihr Pferd dazu zwingen sich dort berühren zu lassen. Suchen sie nach möglichen Ursachen! Wehrt es sich auf diese Art nur, wenn ich es auf eine bestimmte Art (z.B. mit einer Bürste) berühre oder immer und in jeder Situation? Ziehen sie alles in Erwägung: könnte es dort eine Verletzung haben? Bringe ich dort beim Reiten meistens irgendwelches Equipment an (z.B. Bandagen)? Was weiß ich genau über die Geschichte der Pferdes? In jedem Fall ist es aber wichtig, dem Pferd wieder das Vertrauen zu geben, sich dort berühren zu lassen. Machen sie das zu Anfang immer mit ihrer bloßen Hand. Diese ist schön warm und kommt direkt von ihnen. Finden sie die schon so oft gerühmte Stelle, die ihr Pferd besonders gerne mag und arbeiten sie sich von dort Stück für Stück an die Problemzone heran. Belohnen sie das Pferd schon für kleinste Fortschritte, wenn sie z.B. schon ganz nah gekommen sind. Diese Methode erfordert erfahrungsgemäß etwas Geduld - Tage, manchmal Wochen und Monate, können nötig sein! Wann immer ihr Pferd panisch reagiert bleiben sie auf jeden Fall ruhig und vermitteln Freundschaft durchi hre Körperhaltung. Wenn sie selbst Angst vor ihrem Pferd haben, lassen sie es erstmal eine Weile und tasten sich noch langsamer vor.
  • Berührungsängste an Gurt- und Sattellage: das nennt sich im allgemeinen Reiterjargon "Satteldruck" und ist meistens auf unpassendes Zubehör bzw. Schmerzen zurückzuführen. Überprüfen sie ihren Sattel und eventuelle Decken und Pads sowie den Sattelgurt. Es kann auch sein, dass sie meistens zu fest gurten oder etwas an ihrem Sitz das Pferd in seinen Bewegungen stört. Es gibt eine Reihe Methoden, Sättel, Pads etc. die dies vermeiden wollen/können. Informieren sie sich. Viele Pferde leben total auf, wenn sie einen baumlosen Sattel bekommen. Es gibt sehr viele Spezialisten auf diesem Gebiet, die ihnen da bestimmt weiterhelfen können. In Betracht müssen allerdings auch die anderen Möglichkeiten gezogen werden: wie wurde das Pferd bei seiner Ausbildung an den Sattel gewöhnt? Vielleicht trägt es ja einfach ein Trauma von einem plötzlich aufgelegten und festgezurrten Sattel mit sich herum. Legen sie den Sattel auch immer in Fellrichtung auf? Oder handelt es sich um einen Machtkampf den das Pferd nun schon seit einiger Zeit mit ihnen austrägt? Versuchen sie es mit Massage und TTOUCH an der Wirbelsäule um ihr Pferd die Berührung dort genießen zu lassen. Das wird aber übrigens nicht viel bringen, wenn ihr Pferd tatsächlich unter akuten Rückenschmerzen leidet. Verletzungen oder Scheuerstellen sind allerdings höchste Alarmzeichen, dass etwas mit ihrem Equipment oder ihrer Reitweise nicht stimmt. Ein Pferd mit einem schmerzenden Rücken zu reiten ist eine Quälerei für das Pferd, die ich keinesfalls befürworte.
  • Kopfscheuheit: ein Pferd, welches immer den Kopf hochreisst, wenn sie es dort berühren wollen oder ein Halfter anziehen, ist nicht nur ärgerlich, sondern es verursacht sich unter Umständen echte Schmerzen. Ein Pferd hebt automatisch den Kopf in Stresssituationen. Das Mittel dagegen ist Entspannung und Kopf-Senken. Nehmen sie sich viel Zeit, um herrauszufinden, auf welche Weise sich ihr Pferd entspannen kann und gehen sie auch hier Stückchen für Stückchen vor. Wichtig ist, dass sie Stress vermeiden. So lassen sie es sein, ihr Pferd mal schnell-schnell aufhalftern zu wollen. Sie wissen doch, das dies wieder Theater geben wird, also lassen sie das Pferd lieber auf der Weise statt zu reiten. Bei einem wirklich kopfscheuen Pferd darf auch mal ein Leckerlie zum Einsatz kommen, wenn ihr Pferd den Kopf senken soll. Positive Verstärkung kann hier sehr wichtig sein. Hier geht es weniger darum, ein Dominanzspielchen durchzustreiten, sondern darum, dass das Pferd schlicht und einfach den Kopf senken kann und sie als angenehm empfindet.
Nun, das war es nun erstmal. Steht ihr Pferd nun bei ihnen und lässt sich gerade durchkraulen? Wie schön. Nochmal möchte ich betonen: Pferde sind Individuen. Ich kann keinerlei Garantie dafür geben, dass das hier Geschriebene ausgerechnet auf ihr Pferd passt. Manchmal stimmt die Beziehung ja auch, wenn nicht alles immer perfekt läuft, aber wenn man schon Zeit zusammen mit seinem Pferd verbringen möchte, dann kann man diese ja auch dazu nutzen, die Beziehung zu diesem zu vertiefen, oder?

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